Traumabewusstheit

Trauma entsteht überall dort, wo etwas zu schnell, zu plötzlich, unerwartet geschieht und der Mensch sich gefühlt allein einer nicht zu bewältigenden Situation gegenüber sieht. Der Stress, den diese Situation im Nervensystem hinterlässt, bleibt oft viele Jahre, manchmal ein ganzes Leben lang bestehen.

Typische Bewältigungsversuche der Ursprungssituation sind Flucht oder Kampf. Wo beides keine Aussicht auf Erfolg verspricht, folgt die Erstarrung, oft begleitet von Dissoziation. In späteren Stresssituationen werden diese Antworten wieder eingesetzt, obwohl oftmals unangemessen und nicht einmal nützlich, das Traumagedächtnis verselbständigt sich.

Es leuchtet ein, dass zu einem frühen Lebensalter die Optionen Kampf oder Flucht nicht zur Verfügung stehen. Menschen,die zu einem frühen Zeitpunkt Verletzungen erfahren haben, wissen oft nicht einmal, was los ist. Sie merken nur, dass irgendwas nicht stimmt. Jedes Trauma lässt sich lösen.

Trauma ist nicht immer der Hausbrand, der beinah tödliche Unfall, körperlicher Missbrauch oder Gewalt oder die gewaltvolle Geburt. Auch wenn all dies zweifellos zu schweren posttraumatischen Reaktionen führen kann. 

Als traumatisch können auch sehr subtile Formen emotionalen Missbrauchs erlebt werden, die transgenerationale Weitergabe von Verletzungen oder mancherorts immer noch alltägliche Ereignisse wie ein Baby weinen zu lassen, bis es resigniert, erschöpft und allein gelassen einschläft, abfällige Bemerkungen, demütigende „Witze“, wenn sich ein Kind allein gelassen fühlt mit Emotionen, mit neuen Situationen oder Dingen, die es „nur“ beobachtet, Worte oder Handlungen, die beschämen oder erniedrigen. Die Liste ist lang…

Im Wissen was als traumatisch erlebte Situationen anrichten können, welch immense Auswirkungen solche Verletzungen auf ein Leben und die Persönlichkeit eines Menschen haben können, erscheinen viele der heutigen Selbstverständlichkeiten in einem ganz anderen Licht.

Traumabewusstheit heißt zunächst einmal ein tieferes Verständnis für sich selbst zu bekommen. Für die Not, inder man sich zu einem früheren Zeitpunkt befunden hat, für die einstige grandiose Funktionalität der heute als dysfunktional oder störend empfundenen Emotionen, Gedanken, Glaubenssätze, Muster oder Verhaltensweisen. 

Traumabewusstsein anderen gegenüber vergrößert das Mitgefühl.

Traumabewusste Eltern kämen nie auf die Idee, ihr Baby alleine weinen zu lassen, ihre Kinder zu beschämen, weil ihr Lernsprozess länger dauert als erwartet oder sie zu etwas zu nötigen, das sie ängstigt. Ihr Blick auf Schwangerschaft und Geburt wäre ein radikal anderer als der weithin verbreitete der Angst und Kontrolle. Sie würden selbstbesimmt und in Verbindung mit sich und ihrem Kind handeln.

Das tiefere Verständnis welch langfristigen Wirkungen die Erfahrungen aus Schwangerschaft undeburt und ersten tausend Tagen auf jedes Leben haben, wird eines Tages die Gesellschaft in ihren Grundfesten wandeln.

Traumabewusste LehrerInnen werden kein einziges Kind mehr als frech, unaufmerksam oder schwierig bewerten. Sie werden es in seiner individuellen Geschichte und deren Auswirkungen verstehen und begleiten können.

Traumabewusste MedizinerInnen und HeilerInnen werden darum wissen, dass die Trennung zwischen Körper, Seele und Geist eine recht künstliche ist. Sie werden aus einem tiefen Verständnis der Ganzheit schnellere, sanftere und nachhaltigere Erfolge erzielen. 

Traumabewusstheit wird unser aller Leben wandeln.